D O S T O J E W S K I  


Dostoyevski, பியோதர் தஸ்தயெவ்ஸ்கி, ฟีโอดอร์ ดอสโตเยฟสกี, Fýodor Dostoýewskiý, Dostoyevskiy, Dostojevskii, Dostoevsky, Dostoyevskiy, Dostoyevsky, თეოდორ დოსტოევსკი, 费奥多尔•陀思妥耶夫斯基, 杜斯托也夫斯基, Dostoievski, Dostoievski, Dostoiévski, Dostoievskii, Dostoyevskî, თედორე დოსტოევსკი, フョードル・ドストエフスキー, Ντοστογιέφσκι, Duostuojėvskis, Dostojefski, ፍዮዶር ዶስቶየቭስኪ, فيودور دوستويفسكي

     
Aus Andrej Dostojewskis Erinnerungen
 
In jenem ersten Jahre, dessen ich mich gerade noch erinnern kann, konnten meine Brüder bereits lesen und schreiben und bereiteten sich zum Eintritt in das Pensionat vor. Damals kamen zwei Lehrer zu uns ins Haus. Der erste war ein Diakon, der auch am Katharineninstitut unterrichtete. Bevor er kam, wurde jedesmal der Lhombretisch aufgeklappt, an den wir vier Kinder uns dann zusammen mit dem Lehrer setzten. Die Mutter saß immer weiter ab und war mit einer Handarbeit beschäftigt. Ich habe später viele Religionslehrer gehabt, aber nie wieder einen solchen wie diesen. Der hatte wirklich, was man so nennt, die Gabe des Wortes, und während der ganzen Stunde (die noch nach alter Sitte etwa zwei Stunden dauerte) tat er nichts anderes als erzählen oder, wie bei uns gesagt wurde, die Heilige Schrift auslegen.

Der andere Lehrer, der in dieser Zeit zu uns ins Haus kam, war der Lehrer der französischen Sprache Suchard, der sich nach der Erfüllung seiner Bitte an Kaiser Nikolai I., seinen Namen umdrehen und ihm die Endung off anhängen zu dürfen, Draschussoff nannte, da es sein glühendster Wunsch war, ein echter Russe zu sein. Zu diesem Draschussoff fuhren nun meine beiden älteren Brüder, als der Unterricht im Lesen und Schreiben, in der Religion und der französischen Sprache nicht mehr genügte, ein ganzes Jahr lang oder noch länger, jeden Morgen als sogenannte Halbpensionäre und kehrten zum Mittagessen zurück. Draschussoff hatte eine kleine Vorschule oder ein Pensionat für auswärtige Schüler, er selbst unterrichtete in der französischen Sprache, seine zwei erwachsenen Söhne in der Mathematik und in anderen Fächern. Dagegen gab es an dieser bescheidenen Schule keinen Lehrer der lateinischen Sprache, und so übernahm denn unser Vater selbst den Unterricht in diesem Fach.
 
Ich erinnere mich noch des Morgens, an dem er von der Fahrt zu seinen Patienten in der Stadt eine lateinische Grammatik mitbrachte und sie den Brüdern übergab. Seit diesem Tage wurden sie jeden Abend in dieser Sprache unterrichtet. Der Unterschied zwischen dem Unterricht beim Vater und dem bei den anderen Lehrern bestand vor allem darin, daß sie bei letzteren die ganze Stunde saßen, beim Vater dagegen, dessen Unterricht oft über eine Stunde dauerte, durften sie nicht nur nicht sitzen, sondern nicht einmal sich an den Tisch stützen. So standen sie denn wie kleine Götzenbilder da, wenn sie, der eine nach dem anderen, >mensa, mensae< usw. deklinierten oder >amo, amas, amat < konjugierten. Die Brüder fürchteten sich denn auch sehr vor diesen Stunden. Der Vater war bei all seiner Güte äußerst anspruchsvoll und sehr ungeduldig, und dazu noch überaus jähzornig.

          Ein Bruder Dostjewskis
             Andrej Michailowitsch Dostojewski (1825 - 1897)
 

Die Privatschule von L. J. Tschermak kam dem Ideal einer geschlossenen Lehranstalt recht nahe. Ihr fehlte nicht der Charakter des Heims, der Familie. Die Lehrer waren durchweg gute Kräfte, die ausnahmslos von den staatlichen Schulinspektoren empfohlen waren, und in der letzten Klasse unterrichteten späterhin sogar Universitätsprofessoren. Der Unterricht begann täglich um 8 Uhr: die erste Stunde war von 8 bis 10, die zweite von 10 bis 12; dann kam das Mittagessen. Von 2 bis 4 und von 4 bis 6 gab es wieder Unterricht. Nach dem Tee hatte man die Aufgaben zu lernen und um 9 Uhr aß man zu Abend; und dann gingen alle ins Schlafzimmer. Tschermak war ein schon bejahrter Mann und eigentlich wenig oder gar nicht gebildet, aber er besaß jenen Takt, der oft den gebildetsten Schuldirektoren abgeht. Zu Anfang jeder Stunde ging er durch alle Klassen, und wenn er in einer Klasse den Lehrer noch nicht antraf, blieb er dort so lange, bis der Lehrer kam, dem er dann mit dem gütigsten Lächeln die Hand reichte, während er mit der Linken seine Taschenuhr hervorzog, gleichsam um für sich selbst festzustellen, welche Zeit es denn sei. Bei solchen Gepflogenheiten tat natürlich ein jeder sein möglichstes, um nicht zu spät zukommen. Doch vor allen Dingen war unser Alter ein Gemütsmensch. Er ging auf alle, auch auf die geringsten Bedürfnisse der ihm anvertrauten Kinder ein. Wenn ein Schüler sich ausgezeichnet und eine Vier erhalten hatte (damals war Vier die beste Note), so rief er ihn ganz ernst zu sich ins Kabinett und händigte ihm dort ein kleines Bonbon ein. Es kam vor, daß er mit dieser Belohnung auch Schüler der höheren Klassen auszeichnete, doch niemals machte sich auch nur einer von ihnen darüber lustig. Wenn jemand von den Pensionären erkrankte, schickte Tschermak ihn sofort zu seiner Frau: >Geh zu Augusta Franzowna<. Die steckte den Erkrankten sogleich ins Bett und sandte unverzüglich nach dem Hausarzt – damals Doktor W. W. Treiter.


Also in dieses Pensionat traten meine Brüder im Jahre 1834 ein. Auch meine älteste Schwester war damals in einem Mädchenpensionat. An den freien Tagen, die sie zu Hause verbrachten, mußten sie mich auf Wunsch der Eltern unterrichten: Michail in Arithmetik und Geographie, Fjodor in Geschichte und Russisch, und Warwara in der französischen und deutschen Sprache. Schon am Morgen des letzten Wochentages begann man die Rückkehr der Kinder ins Elternhaus zu empfinden. Auch die Eltern wurden ein wenig heiterer und zum Mittagessen wurde noch irgend etwas Besonderes hinzugefügt, kurz, es lag etwas Feiertägliches in der Luft. Ja, an diesem Tage wurde sogar die ewig feststehende Tischzeit (12 Uhr) verschoben, denn bis der Wagen hinfuhr, die Brüder sich zurechtmachten usw. vergingen gute 1,5 bis 2 Stunden. (Die Schwester wurde erst gegen Abend abgeholt.) Doch kaum waren die Brüder angelangt, da kam schon, noch bevor man sich richtig begrüßt hatte, das Essen auf den Tisch, und noch bevor sie ihren ersten Hunger gestillt hatten, begann das Erzählen. Zuerst wurden wahrheitsgetreu alle Noten gemeldet, die sie im Laufe der Woche erhalten hatten, dann wurde von den Lehrern erzählt, von den anderen Schülern, von verschiedenen, manchmal nicht ganz harmlosen Streichen der Kameraden. Darüber verging die Zeit und die Mahlzeit dauerte bedeutend länger als sonst. Die Eltern hörten befriedigt zu und schwiegen, indem sie die Kinder sich aussprechen ließen. Ich kann wohl versichern, daß die Brüder alles mit vollkommenster Aufrichtigkeit den Eltern erzählten. Aber es kam nie vor, daß der Vater bei der Gelegenheit den Söhnen Moral gepredigt hätte. Wenn sie von den Streichen der Kameraden erzählten, sagte er nur hin und wieder: >so ein Schlingel<, oder >so ein Raufbold<, oder »so ein Taugenichts« und ähnliches, doch niemals fügte er hinzu, etwa: >Hört! daß ihr mir nicht dasselbe tut!< Ich glaube, mit diesem Verhalten wurde zu verstehen gegeben, daß der Vater sogar die Möglichkeit für ausgeschlossen hielt, auch seine Söhne könnten ähnliche Streiche verüben. Nach Tisch wurde noch ein wenig geplaudert, und dann setzten sich die Brüder an die Lhombretische und gaben sich ganz der Lektüre der Bücher hin, die sie regelmäßig aus dem Pensionat mitbrachten. Selten habe ich gesehen, daß sie sich am Sonnabend oder Sonntag mit dem Lernen ihrer Aufgaben beschäftigten oder überhaupt ihre Schulbücher mitgenommen hatten. Später, etwa im Jahre 1836, sprachen sie mit besonderer Begeisterung von ihrem Lehrer der Literatur und russischen Sprache, der förmlich ihr Abgott zu sein schien, da sein Name beständig in ihrem Munde war. Leider kann ich mich auch auf diesen Namen nicht mehr besinnen.


Die älteren Brüder lasen beständig, ja jeden Augenblick ihrer freien Zeit verbrachten sie mit Lektüre. In Fjodors Händen sah ich am häufigsten die Romane von Walter Scott, ›Quentin Durward‹ und ›Waverley‹, die er trotz der altmodischen und schwerfälligen Übersetzung immer wieder las. Dasselbe tat er auch mit allen Werken von Puschkin. Ob er damals auch Gogol schon kannte, vermag ich nicht zu sagen. Aber Karamsins ›Geschichte Rußlands‹ lag bei ihm ständig auf dem Tisch: die konnte er immer wieder lesen, wenn er gerade nichts Neues hatte. Außerdem brachten die Brüder die bunten kleinen Monatserscheinnngen der ›Lesebibliothek‹ mit nach Hause, die damals zu erscheinen begann. Die Eltern lasen übrigens diese Bücher nie. Fjodor bevorzugte im allgemeinen ernste Prosalektüre, im Gegensatz zu Michail, der Poesie liebte und damals bereits selbst dichtete (womit Fjodor sich nicht abgab). Aber für Puschkin schwärmten sie beide, und wenn ich nicht irre, konnten sie alle seine Gedichte auswendig. Puschkin lebte damals noch. Sein Name wurde in der Literaturgeschichte kaum erwähnt und seine Werke wurden in den Schulen noch nicht durchgenommen, geschweige denn auswendig gelernt, wie dies jetzt geschieht. Puschkins Ansehen als Dichter war eben damals viel geringer als das Ansehen Shukowskis, sogar bei den Literaturhistorikern, und ebenso natürlich bei unseren Eltern, was von seiten der Brüder, besonders von Fjodor, mehrfach den lebhaftesten Widerspruch hervorrief. Ich erinnere mich noch, wie sie damals gleichzeitig jeder ein Gedicht auswendig lernten: Michail die Shukowskische Übersetzung des ›Grafen von Habsburg‹ und Fjodor – gleichsam als Gegenstück – Puschkins Ballade ›Oleggs Tod‹. Als sie die Gedichte den Eltern vorgetragen hatten, gaben diese dem ersteren den Vorzug, gewiß nur deshalb, weil es von Shukowski war. Unsere Mutter hatte übrigens seitdem eine besondere Vorliebe für diese beiden Gedichte, und oft bat sie die Brüder, sie vorzutragen; sogar während ihrer letzten Krankheit, als sie schon ganz zu Bett lag (sie starb an der Schwindsucht) hörte sie ihnen immer noch mit Genuß zu.


Die Brüder pflegten überhaupt keinen Verkehr, auch nicht mit ihren Schulkameraden. Nur einmal besuchte ein Klassenkamerad, ein gewisser Kudrjäwzoff, meinen Bruder Michail, worauf diesem erlaubt ward, den Besuch zu erwidern, doch damit war auch dieser Verkehr abgetan. Nur Wanitschka Umnoff, der Sohn einer Bekannten unserer Eltern, kam hin und wieder zu uns, aber der war Gymnasiast und etwas älter als meine Brüder. Von ihm hörten sie einmal eine Satire von Wojeikow auf die literarischen Größen der Zeit, ›Das Irrenhaus‹, ein Spottgedicht, das damals nur in Abschriften verbreitet war und das Wanitschka Umnoff auswendig gelernt hatte. Doch als die Brüder es gleichfalls auswendig konnten und dem Vater vortrugen, mißfiel es diesem sehr: zunächst hielt er es für einen Gymnasiastenstreich, doch selbst als man ihn überzeugte, daß der Dichter Wojeikoff es verfaßt habe, erklärte er dennoch, daß es unanständig sei, weil es beleidigende Ausdrücke gegen anerkannte literarische Größen enthielt, besonders gegen Shukowski.

Quelle: Gutenberg



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