D O S T O J E W S K I  


Бедные люди, Двойник. Петербургская поэма, Господин Прохарчин, Роман в девяти письмах, Хозяйка, Белые ночи, Ползунков, Мальчик у Христа на ёлке, Честный вор, Чужая жена и муж, под кроватью, Чужая жена и муж под кроватью, Слабое сердце, Неточка Незванова, Маленький герой, Дядюшкин сон, Село Степанчиково и его обитатели, Записки из мертвого дома, Униженные и оскорбленные, Скверный анекдот,  Зимние заметки о летних впечатлениях, Записки из подполья, Крокодил, Преступление и наказание, Игрок, Идиот, Вечный муж, Бесы, Дневник писателя, Бобок, Кроткая, Подросток, Сон смешного человека, Братья Карамазовы, Великий инквизитор, Пушкинская речь
 
Alias
Aufzeichnungen aus dem Kellerloch
Aufzeichnungen aus dem Dunkel der Großstadt
 
Veröffentlichung
1864 erstmalig in der Zeitschrift "Die Epoche" (Epocha) Nr. I, II, IV
 
Handlung
Ein von Selbsthass zerquältes und verbittertes Individuum ist von der Gesellschaft und deren Lügen angewidert.
 
Anmerkungen
„Die Aufzeichnungen aus einem Kellerloch sind das erste Werk Dostoevskij, in dem er eine Ideologie als Mittel der Charakteristik verwendet. Die Ideologie des Mannes aus dem Kellerloch, so wie sie im ersten Teil gegeben ist, bildet mit dessen Charakter ein Ganzes. Man weiß nicht ob die Ideologie aus dem Charakter oder der Charakter aus der Ideologie entstanden ist, was das Primäre und was das Sekundäre ist.“
Trubetzkoy, Dostoevskij als Künstler S. 119

Eine andere Umschreibung vermeintlich dieses Sachverhaltes:
„Insgesamt also eine Mischung aus echtem Dostojewskij, einem modifizierten Dostojewskij und einem Nicht-Dostojewski.“
Braun, Maximilian; Dostojewskij - Das Gesamtwerk als Vielfalt und Einheit S. 97

Nur drängt sich hier die rhetorische Frage auf: Für welches Werk von Dostojewski gilt dies nicht?!

„Die Aufzeichnungen sind ein Dokument, in welchem sich alle geistigen Tendenzen ihrer Zeit niedergeschlagen haben. Zugleich haben sie viele versuche angeregt, das Seelenleben ihres Autors zu entschlüsseln.“
Poll, Nachwort Aufzeichnungen aus dem Kellerloch Reclam 1996 S. 161


                 Dostojewskis ambivalente Abrechnung


Nietzsche im Februar 1887 an seinen Freund Overbeck:
"Von Dostojewskij wusste ich vor einigen Wochen auch selbst den Namen nicht. (…) Ein zufälliger Griff in einem Buchladen brachte mir das eben ins Französische übersetzte Werke L`esprit souterrain unter die Augen (…). Der Instinkt der Verwandtschaft (oder wie soll ich`s nennen?) sprach sofort, meine Freude war außerordentlich."

"Der Kellerlochmensch, der, vierzig Jahre alt, mit halsbrecherischem Witz seine zukunftslose Identität reflektiert, ist für Dostojewski die exemplarische Gestalt für das Vakuum der Werte, das Mitte der sechziger Jahre die geistige Situation der Zeit charakterisiert.“
Gerigk; Dostojewskijs Entwicklung als Schriftsteller, Fischer Verlag 2013 S. 152

„Wenn Stil Persönlichkeit und Weltanschauung ist, dann hat Dostojewskij zum ersten Mal seinen Stil der schonungslosen psychologischen Wahrheit in den Memoiren aus dem Untergrund.“
Maurina, Dostojewskij  S. 256                 
 
„Die `Aufzeichnungen aus dem Untergrund` sind ein herzzerreißender Angstschrei, einem Menschen entfahrend, der ganz plötzlich feststellen musste, sein ganzes Leben lang gelogen und getäuscht zu haben, als er sich und die anderen davon überzeugte, dass höchste Daseinsziel bestehe im Dienst am niedrigsten Menschen. Bis zu diesem Zeitpunkt sah er sich vom Schicksal bevorzugt, für eine große Sache vorherbestimmt. Jetzt aber hat er ganz plötzlich erkannt, dass er um nichts besser ist als andere Menschen, dass ihm genauso wenig an irgendwelchen Ideen liegt wie einem gewöhnlichen Sterblichen.
(. . .)
Die Untergrundaufzeichnungen bezeugten, so Šestov, dass Dostoevskij nicht länger zurückhalten konnte, was da an Grauenhaftem in seiner Seele erwacht war. Komme was wolle, seine Lebenslüge war nicht länger zu ertragen und darum habe er sich öffentlich, aber nicht offenherzig, von seiner Vergangenheit losgesagt."
Gubo, Viola Karin; Das Dostoevskij-Bild im Werk von Lev Šestov
 
„Dostoevskij dringt sozusagen in das Innere des Mannes aus dem Kellerloch ein, stellt sich vollständig auf den Standpunkt und sieht alles mit den Augen des Helden. Seinen eigenen Standpunkt, seine Fratze* zeigt er nicht. In den Aufzeichnungen aus einem Kellerloch ist dieser Kunstgriff, dieses restlose Aufgehen im Helden, so gelungen, dass die meisten Leser, ja nicht nur Leser, sondern auch ernsthafte Literaturforscher und Denker, bis heute sich dadurch täuschen lassen. Große Denker wie Lev Šestov, feine Kenner Dostoevskijs wie Leonid Grossmann und Komarovič behaupten, Dostoevskij habe sich in diesem Werk von seinen früheren humanistischen Idealen losgesagt – ohne den Umstand zu berücksichtigen, dass die Aufzeichnungen in den ersten Heften der Epocha erschienen, deren Anliegen es war, die idealistische Richtung so gut wie möglich zu betonen, sodaß schon aus diesem Grunde eine Lossagung vom Idealismus ganz ausgeschlossen wäre.“
Trubetzkoy, Dostoevskij als Künstler S. 120

„Man versteht die Aufzeichnungen nicht, wenn man nicht ihren polemischen Sinn beachtet. 1963 wurde der Roman des im Jahr zuvor verhafteten Tschernyschewskij Was tun! veröffentlicht. Er trug den Untertitel `Erzählungen von neuen Menschen` und hatte sogleich einen überaus starken Einfluss auf die revolutionär gestimmte Intelligenzija.
(...)
Tschernyschewskij schildert jene vorbildlich progressiven Menschen, denen der gesellschaftliche Nutzen für ihr Tun und Denken zum allein bestimmenden Motiv geworden ist.
(...)
Einigkeit bestand unter den Anhängern Tschernyschewskijs darüber, dass die Menschen ohne Einschränkung umerziehbar, die sozialen Vorgänge wissenschaftlich berechenbar seien.
Gerade diese Philosophie wird zur Zielscheibe der Kritik Dostojewskijs. Seine Erzählung nimmt wesentliche Episoden aus Was tun? wieder auf.“
Poll, Nachwort Aufzeichnungen aus dem Kellerloch Reclam 1996 S. 155 f.


*   Die Formulierung Fratze bezieht sich auf die Passage eines Briefes Dostojewskis im Februar 1846 an seinen Bruder Michail bezüglich seines Romans Arme Leute:
„Unser Publikum hat wie jeder Pöbel den richtigen Instinkt, doch keine Bildung. Sie können nicht begreifen, wie man einen solchen Stil schreiben kann. Sie sind es gewöhnt, in jedem Werk die Fratze des Verfassers zu sehen. Ich habe aber die meinige nicht zeigen wollen. Sie wollen es gar nicht einsehen, dass diese oder jene Ansichten von Djewuschkin und nicht von mir ausgesprochen werden.“
Briefe; Piper  S. 53




Verfilmungen

1981    „El Hombre Del Subsuelo”      Argentinien
       
1984    „Aikalainen”      Finnland
       
1986    „Jour Et Nuit”      Frankreich/ Schweiz
       
1995    „Notes From Underground“     USA
       
2005    „J'irai Cracher Sur Vos Tongs”     Frankreich
       
2012    „Yeralti”      Türkei




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