D O S T O J E W S K I  


Андрей Михайлович Достоевский Анна Григорьевна Достоевская, Евдокия Яковлевна Панаева, Анна Васильевна Корвин Krukowskaja Достоевский, Фёдор Михайлович Марья Дмитриевна Issajewna
 
Dostojewskij war der Verkünder einer beginnenden Geistesrevolution; die Dynamik des Geistes ist sein Element, sein Blick ist auf das Kommende gerichtet. Doch gleichzeitig betonte er seine Bodenständigkeit, legte Wert auf die Aufrechterhaltung der historischen Tradition, nahm geschichtliche Heiligtümer in Schutz, anerkannte die historische Kirche und den historischen Staat.
Tolstoi dagegen war niemals ein Geistesrevolutionär, er ist ein Dichter des Statischen, der feststehenden Lebensordnung, dem Vergangenen, nicht dem Künftigen zugewandt, in ihm ist nichts Prophetisches. Zugleich aber rebelliert er gegen alle historische Überlieferung und alle historischen Heiligtümer, lehnt mit beispiellosem Radikalismus die historische Kirche und den historischen Staat ab, will nichts von Kulturüberlieferung wissen.
 
 
Dostojewskij entlarvt die innere Natur des russischen Nihilismus. Tolstoi dagegen erweist sich selbst als Nihilist, als Vernichter von Heiligtümern und Kulturwerten. Dostojewskij weiß um die anhebende Revolution, die immer in den unteren Schichten des Geistes beginnt. Visionär erschaut er ihre Wege und ihre Ereignisse. Tolstoi weiß nicht davon, daß im geistigen Unterreich eine Revolution eingesetzt hat, und erschaut nichts, aber er selbst ist, wie ein Blinder, von einer der Seiten dieses Revolutionsprozesses erfaßt.
 
 
Dostojewskij verbleibt im Geistigen und erschaut von hier aus alles. Tolstoi verbleibt im Seelisch-Körperlichen und kann darum nicht davon wissen, was in der Tiefe vor sich geht, kann die Folgen des Revolutionsprozesses nicht voraussehen. Die Kunst Tolstois ist vielleicht vollkommener als die Kunst Dostojewskijs, seine Romane sind die besten Romane der Welt. Er ist der große Dichter des Gewordenen. Dostojewskij aber ist dem Werdenden zugewandt.

 
Kritik Philosophie Religion

 
Dostojewskij erfaßt das Leben aus dem menschlichen Geist. Tolstoi erfaßt es aus der Seele der Natur. Darum sieht Dostojewskij die Revolution, die in der Tiefe des menschlichen Geistes vorsichgeht. Tolstoi dagegen sieht vor allem die festgefügte, naturhafte Ordnung des menschlichen Lebens, die pflanzlich-animalischen Lebensprozesse. Dostojewskij begründet seine Prophezeiungen auf seinem Wissen um den menschlichen Geist. Tolstoi aber rebelliert geradlinig gegen das Pflanzlich – Animalische im Menschenleben, das allein er sieht. Für Dostojewskij erweist sich Tolstois moralistische Geradlinigkeit als unmöglich. Tolstoi prägt mit unübertrefflicher Vollkommenheit die künstlerische Erhabenheit der gewordenen Lebensformen. Für Dostojewskij, als den Dichter der Werdenden, erweist sich diese künstlerische Erhabenheit als unterreichbar.
 
 
Das Schaffen Tolstois ist apollinische Kunst. Das Schaffen Dostojewskijs ist dionysische Kunst.
 
Und in noch einer Hinsicht ist das Verhältnis zwischen Tolstoi und Dostojewskij beachtenswert.
Tolstoi hat sein Leben lang Gott gesucht, wie ihn der Heide sucht, der Naturmensch, dem seinem Wesen nach Gott fern ist. Tolstois Gedanken beschäftigen sich mit Theologie und er war ein sehr schlechter Theologe. Dostojewskij quält nicht so sehr das Problem Gott als vielmehr das Problem Mensch und Schicksal, ihn quält das Rätsel des menschlichen Geistes. Seine Gedanken waren mit Anthropologie, nicht mit Theologie beschäftigt. Nicht als Heide, nicht als Naturmensch löst er das Problem Gott, sondern als Christ, als Geistesmensch das Problem Mensch.
 
 
Und wahrlich, die Frage um den Menschen ist eine göttliche Frage. Und vielleicht erschließt sich das Geheimnis um Gott eher durch das Geheimnis um den Menschen. als durch ein unmittelbares Gottsuchen unter Ausschluß des Menschen. Dostojewskij war kein Theologe, aber dem lebendigen Gott war er näher als Tolstoi; Gott erschließt sich ihm im Schicksal des Menschen. Vielleicht sollte man weniger Theologe und mehr Anthropologe sein.
Berdjajew, Nikolai; Die Weltanschauung Dostojewskis, C. H. Becksche München 1925  S. 11 – 13




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